Die Mensch-Tier-Beziehung als Grundlage tiergestützter Interventionen
Weiterlesen
DIE MENSCH-TIER-BEZIEHUNG ALS GRUNDLAGE TIERGESTÜTZTER INTERVENTIONEN
Historische Entwicklung der Mensch-Tier-Beziehung
Bereits in der Zeit der Jäger und Sammler lebten Menschen eng mit Tieren zusammen. Diese Beziehung ging über ein reines Beuteverhältnis hinaus: Tiere wurden als denkende und beseelte Wesen respektiert. Oft galten sie als enge Verwandte oder spirituelle Begleiter.
Biophilie
Die Biophilie-Hypothese von Edward O. Wilson (1984) legt nahe, dass Menschen eine natürliche, biologisch verankerte Verbundenheit mit der Natur und den darin lebenden Wesen entwickelt haben. Diese Verbundenheit prägte unsere Evolution.
Kinder und Tiere
Kinder zeigen ein natürliches Interesse an Tieren. Dieses Interesse kann jedoch verblassen, wenn es nicht gefördert oder begleitet wird. Fehlt der Zugang zu positiven Interaktionen mit Tieren, begegnen wir später oft Menschen, die Tieren gegenüber gleichgültig sind.
In der kindlichen Lebenswelt sind Tiere allgegenwärtig – sei es auf Kleidung, in Büchern, Filmen oder als Stofftiere. Wie intensiv Kinder tatsächlich reale Erfahrungen mit Tieren sammeln, ist jedoch sehr individuell.
„Kumpantiere“
Menschen entscheiden sich bewusst für tierische Gefährten („Kumpantiere“), weil diese viele grundlegende Bedürfnisse erfüllen. Sie bieten Zuneigung und Anpassung ohne die Herausforderungen, die menschliche Beziehungen oft mit sich bringen. Tiere verlangen keine Diskussionen über Alltagsprobleme und passen sich dem Menschen auf eine Weise an, die zwischenmenschlich nicht möglich ist.
Die Wahl des Tieres hängt oft von persönlichen Vorlieben, Lebensumständen und unbewussten Vorstellungen ab. Häufig wird sie durch äußere Merkmale oder intuitive Sympathie beeinflusst.
Soziales Netzwerk im Gehirn
Bereiche im Gehirn, die für soziale Interaktionen wichtig sind, sind evolutionär sehr konserviert. Diese „sozialen Netzwerke“ finden sich nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Säugetieren und sogar Fischen. Sie beeinflussen unter anderem Stressregulation und Bindungsverhalten.
Oxytocin – Das Bindungshormon
Oxytocin, ein Hormon aus neun Aminosäuren, spielt eine zentrale Rolle in sozialen Bindungen. Es wird durch sensorische Stimulation wie Hautkontakt freigesetzt. Oxytocin fördert prosoziales Verhalten, reduziert Stress und hat sowohl akute als auch langfristige positive Effekte auf das Wohlbefinden.
Beispiele für Langzeiteffekte:
- Blutdrucksenkung
- Erhöhte Schmerzschwelle
- Verbesserte Wundheilung
Tierkontakt und Oxytocin
Studien zeigen, dass positive Interaktionen zwischen Menschen und Tieren den Oxytocin-Spiegel erhöhen können. Dies deutet darauf hin, dass Mensch-Tier-Beziehungen ähnliche Mechanismen wie menschliche Bindungen aktivieren.
TIERGESTÜTZTE PÄDAGOGIK
Ziele tiergestützter Interventionen
Tiergestützte Angebote sollen Räume schaffen, in denen Kinder Freude erleben und ihr Selbstwertgefühl stärken. Gleichzeitig sollen sie lernen, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen und auszudrücken – wichtige Grundlagen für soziale Kompetenz und Konfliktlösungsfähigkeit.
Die Pädagogin plant und überwacht die Aktivitäten und sorgt für das Wohl der Tiere. Diese agieren als Co-Pädagogen, indem sie Kontakt und Vertrauen fördern.
Kontaktaufnahme und Vertrauen
Tiere erleichtern den Zugang zu sozialen Beziehungen. Kinder zeigen oft zuerst Interesse am Tier, bevor sie Nähe zu anderen Menschen aufbauen. Gespräche und Aktivitäten rund um das Tier schaffen eine gemeinsame Basis und fördern Vertrauen.
Wertschätzung und Akzeptanz
Tiere begegnen Kindern vorurteilsfrei – unabhängig von Behinderungen, Krankheiten oder schulischen Leistungen. Dieses Gefühl der bedingungslosen Akzeptanz wirkt stärkend. PädagogInnen sollten diese Haltung übernehmen, um die Wirkung zu vertiefen.
Selbstbestimmung und Verantwortung
Der Umgang mit Tieren fördert selbstbestimmtes Handeln. Kinder lernen, auf die Bedürfnisse der Tiere einzugehen, und erfahren, dass sie durch Fürsorge und Wissen Einfluss nehmen können. Dies stärkt das Selbstwertgefühl und vermittelt Empathie.
Kommunikation und Körpersprache
Im Umgang mit Tieren steht analoge Kommunikation – Mimik, Gestik und Körpersprache – im Vordergrund. Tiere reagieren sensibel auf nonverbale Signale und spiegeln emotionale Zustände. Diese Erfahrungen fördern ein bewussteres Wahrnehmen und die Fähigkeit, authentisch zu kommunizieren.
Konfliktlösung und soziale Kompetenz
Tiergestützte Pädagogik bietet ein Übungsfeld für respektvolle Konfliktlösung. Kinder lernen, ihre eigenen Bedürfnisse und die anderer wahrzunehmen. Sie erfahren, dass Konflikte nicht vermieden, sondern fair und konstruktiv gelöst werden können.
Tiergestützte Interventionen schaffen wertvolle Lernräume, in denen Kinder emotionale Reife, soziale Fähigkeiten und Empathie entwickeln können. Die Beziehung zu Tieren eröffnet neue Perspektiven, stärkt das Selbstwertgefühl und fördert verantwortungsbewusstes Handeln. Durch das Medium Tier wird Kindern ein Zugang zu eigenen Gefühlen ermöglicht, der die Grundlage für gelingende Beziehungen und Lebensfreude legt.
Gedanken zur tiergestützten Angeboten für Kinder & Inklusion
Weiterlesen
Gedanken zur tiergestützten Angeboten für Kinder & Inklusion
Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit tiergestützter tiergestützter Angebote und erforschen laufend neue Ansätze.
Inklusive Ansätze als Chance für gemeinsames Wachstum
Wenn du für deine Angebote Unterstützung, Begleitung oder neue Ideen suchst, ist vielleicht mein Einzelcoaching genau das Richtige für dich. Hier gibt es weiter Infos dazu > Fachliche Begleitung/ Einzelcoaching
Kinder & Kaninchen
Weiterlesen
Kinder & Kaninchen – Tiergestützte Pädagogik mit Kaninchen
Die Verbindung zwischen Kind und Kaninchen eröffnet wunderbare Möglichkeiten, soziale Kompetenzen zu stärken – genau das, was sich viele Eltern für ihre Kinder wünschen. Mir liegt es am Herzen, einen respektvollen Umgang mit Tieren vorzuleben, bei dem die Bedürfnisse von Kindern und Kaninchen gleichermaßen Beachtung finden. Niemand wird gedrängt, eigene Grenzen zu überschreiten.

Warum Kaninchen als Fluchttiere besondere Anforderungen haben
Kaninchen sind von Natur aus Fluchttiere. Ihr gesamtes Verhalten, ihr Körperbau und ihre Sinneswahrnehmung sind darauf ausgelegt, in Gefahrensituationen blitzschnell zu reagieren und zu entkommen. Dieses Wissen ist entscheidend – sowohl für ein artgerechtes Zusammenleben als auch für die Vermittlung an Kinder: Nur wer versteht, wie Kaninchen „ticken“, kann ihnen ein sicheres und stressfreies Leben ermöglichen.

Grundbedürfnisse von Kaninchen: Fressen – Freunde – Freiheit
Fressen
Kaninchen sind Dauerfresser mit einem empfindlichen Verdauungssystem, das auf ständige Nahrungsaufnahme angewiesen ist. Ihre Hauptnahrung besteht aus Heu und frischem Grünfutter – also Gräsern, Wildkräutern und Blättern. Diese rohfaserreiche Kost hält den Darm in Schwung und sorgt für den nötigen Zahnabrieb, da die Zähne lebenslang nachwachsen. Das Futter muss daher rund um die Uhr verfügbar sein – Hungerpausen können gefährlich werden und zu Verdauungsstörungen führen. Eine naturnahe Ernährung sichert nicht nur die Gesundheit, sondern trägt auch zum Wohlbefinden der Tiere bei.

Freunde
Kaninchen sind hochsoziale Tiere, die in freier Wildbahn in Gruppen leben. Sie kommunizieren über feine Körpersprache und soziale Interaktionen. Einzelhaltung widerspricht ihrem natürlichen Verhalten und kann zu Einsamkeit, Stress und Verhaltensstörungen führen. Für ihr seelisches Wohlbefinden brauchen sie mindestens einen Artgenossen – für gemeinsame Aktivitäten, gegenseitige Fellpflege und soziale Stabilität.
Freiheit
Kaninchen brauchen Platz zum Hoppeln, Buddeln, Verstecken und Erkunden. Ein artgerechtes Leben bedeutet Bewegungsfreiheit und eine abwechslungsreiche Umgebung – weit über einen kleinen Käfig hinaus. Nur wenn sie ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können, bleiben sie körperlich gesund und seelisch ausgeglichen.

Warum Rückzugsmöglichkeiten für Kaninchen so wichtig sind
Als Fluchttiere brauchen Kaninchen jederzeit Rückzugsmöglichkeiten und sichere Verstecke. Sie möchten selbst entscheiden, wann sie sich zeigen – und wann sie lieber in Deckung bleiben. Wenn sie sich bedrängt oder festgehalten fühlen, reagieren sie häufig mit Stress oder Panik.
Kinder können hier etwas sehr Wertvolles lernen: Nicht jedes Tier möchte gestreichelt werden. Respekt und Geduld sind die Grundlage jeder guten Beziehung.

Scharfe Sinne – immer auf der Hut
Kaninchen verfügen über eine außergewöhnlich feine Sinneswahrnehmung: große Augen mit nahezu 360° Rundumsicht, empfindliche Ohren und einen ausgeprägten Geruchssinn ermöglichen es ihnen, Gefahren frühzeitig zu erkennen. Als Beutetiere reagieren sie empfindlich auf schnelle Bewegungen oder laute Geräusche – oft mit Schreckreaktionen oder plötzlicher Flucht.
Diese ständige Wachsamkeit ist tief in ihrer Natur verankert – und bleibt auch in der Heimtierhaltung aktiv. Wenn Kinder verstehen, warum Kaninchen manchmal ängstlich sind, warum sie fliehen oder bestimmte Bedürfnisse haben, entwickeln sie Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein.
Entwicklungsvorteile für Kinder durch Tiere
Die positive Wirkung von Tieren auf Kinder ist gut belegt und inzwischen vielen Menschen bewusst. Kinder auf der ganzen Welt fühlen sich von Tieren magisch angezogen – die Sehnsucht nach Natur und tierischen Begegnungen ist tief in uns verankert. Im spielerischen Miteinander mit Tieren entdecken Kinder ihre eigenen Stärken und entwickeln Empathie und Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen.
Kaninchen-Pizza
Körperliche Vorteile
Kinder profitieren durch Bewegung, Sinneserfahrungen und den Kontakt zur Natur.
Emotionale Vorteile
Vertrauen, Geborgenheit und Ruhe, die Tiere ausstrahlen und vermitteln können, fördern das emotionale Wohlbefinden.
Soziale Vorteile
Soziale Fähigkeiten wie Empathie, Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein werden im Umgang mit Tieren auf spielerische Weise gefördert.
Kognitive Vorteile
Kinder lernen, genau zu beobachten, zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen. Sie entwickeln Problemlösefähigkeiten und erweitern ihr Wissen über die Bedürfnisse anderer Lebewesen.

Wissenschaftliche Belege zur tiergestützten Pädagogik
Die positiven Effekte von tiergestützten Interventionen werden nicht nur in der Praxis beobachtet, sondern auch zunehmend durch wissenschaftliche Studien belegt. Besonders bei Kindern zeigen sich vielversprechende Ergebnisse in den Bereichen emotionale Stabilisierung, soziale Entwicklung und Stressreduktion.
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 untersuchte die Wirksamkeit von Hund-gestützter Therapie bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störung. In 84 % der ausgewerteten Studien zeigten sich signifikante Verbesserungen in der sozialen Interaktion, Kommunikationsfähigkeit und im emotionalen Wohlbefinden (Perez et al., Children, 2024).
Weitere Studien zeigen, dass tiergestützte Angebote in schulischen oder therapeutischen Kontexten helfen können, Stress und Angstzustände zu reduzieren, insbesondere bei Kindern mit Verhaltensauffälligkeiten oder belastenden Lebenssituationen. Tiere wirken dabei als soziale Katalysatoren, fördern nonverbale Kommunikation und bieten eine Form von Beziehungserfahrung, die Kindern Sicherheit und emotionale Resonanz ermöglicht.
Diese Forschungsergebnisse bestätigen das, was viele Praktiker:innen täglich erleben: Tiere können Zugang zu Kindern schaffen, wo Worte nicht reichen – und sie leisten einen wertvollen Beitrag zur ganzheitlichen Förderung kindlicher Entwicklung.
Wie möchten Kaninchen wohnen?

Kaninchen sind sehr aktive Tiere und benötigen ausreichend Platz, um sich zu bewegen und ihre artspezifischen Verhaltensweisen auszuleben. Es ist sowohl Innen- als auch Außenhaltung möglich. Ein gut gestaltetes Gehege trägt dazu bei, dass sich die Tiere sicher und wohl fühlen. Beim Bau oder der Auswahl eines Geheges sollten einige wichtige Punkte beachtet werden.
Größe und Struktur des Geheges
Ein ideales Gehege für Kaninchen sollte nicht nur ausreichend Platz bieten, sondern auch so gestaltet sein, dass es Rückzugsmöglichkeiten, Verstecke und verschiedene Bereiche für Bewegung und Futter gibt. Mindestens 6 Quadratmeter für zwei Tiere gelten als untere Grenze, aber je größer, desto besser. Kaninchen sollten täglich die Möglichkeit haben, sich in einem sicheren Bereich auszutoben.
Kaninchen lieben erhöhte Liegeplätze und Gelegenheiten zum Buddeln.

Mehr erfahren: Mein E-Book „Kind & Kaninchen“
Möchtest du mehr darüber wissen, wie du als Elternteil oder pädagogische Fachkraft den Umgang von Kindern mit Kaninchen liebevoll und artgerecht begleiten kannst? In meinem E-Book „Kind & Kaninchen“ findest du praxisnahe Tipps, pädagogische Hintergründe, Anleitungen zum respektvollen Umgang mit Fluchttieren und Arbeitsmaterial für deine Arbeit mit Kindern.
Kosten: 39€
https://hund-katz-pferd.at/kinder-kaninchen-ebook-tiergestuetzte-paedagogik/


Immer den Nüstern nach!
Wie wir die olfaktorische Wahrnehmung des Pferdes fordern und fördern und in Tiergestützte Angebote für Kinder implementieren können
Weiterlesen
Schatzsuche, Fährtenarbeit und andere Aktivitäten rund um den Geruchsinn des Pferdes
Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.
Francis Picabia
Ich mag dieses Zitat.
Es passt auch ganz wunderbar zu meiner ganz persönlichen Pferdegeschichte.
Vieles, was ich vor einigen Jahren glaubte über Pferde zu wissen, habe ich über Bord geworfen. Meine Haltung, meine Erwartungen und Wünsche in Bezug auf meine Interaktion mit ihnen haben sich verändert.
Überdacht und revidiert habe ich meine Vorstellungen über Disziplin, Gehorsam und Dominanztheorien.
Zunehmend wichtiger wurde mir, die individuelle Persönlichkeit des Pferdes wahrzunehmen, zu fördern und beim Wachsen zu begleiten.
Auf dieser Reise habe ich Scentwork kennengelernt, durfte von Rachael Draaisma, der Autorin von ‚Scentwork for Horses‘ lernen und sie dabei beobachten, wie achtsam und respektvoll sie mit Pferden kommuniziert.
Die natürlichen Talente des Pferdes zu fördern und ihm so die Möglichkeit geben, Dinge zu tun, auf die es evolutionsgeschichtlich vorbereitet ist, scheint mir ein logischer und bedeutender Schritt auf dem Weg in Richtung einer Beziehung auf Augenhöhe.
Vielfältige Möglichkeiten ergeben sich, wenn wir den Geruchssinn des Pferdes aktiv und bewusst mit einbeziehen- in den Alltag des Pferdes, in seine Vorbereitung auf Tiergestützte Interventionen und direkt in der Interaktion innerhalb Tiergestützter Angebote.
Scentwork hat eine stark psychohygienische Wirkung, was mir gerade für Pferde in Therapie und Pädagogik besonders wichtig erscheint.
Die Erhaltung von Motivation und Lebensfreude ist ein essentielles Thema, gerade in Bezug auf Pferde, die einen so anspruchsvollen Job haben.
Die Olfaktorik des Pferdes- ein vernachlässigter Sinn?
Wenn ich von Fährtenarbeit mit dem Pferd erzähle, ist das Erstaunen manchmal noch groß.
Mit Hunden, ja. Aber Fährtensuche mit Pferden?
Bei Hunden wissen wir um die enorme Leistung ihres Geruchssinnes.
Bei Pferden ist es jedoch bisher nicht üblich, die Olfaktorik bewusst zu beachten und zu fördern.
Dabei sind Pferde ebenso wie Hunde Makrosomaten , griechisch „Großriecher“, also Lebewesen, deren Geruchssinn extrem gut ausgebildet ist.
Ein Team um Yoshihito Niimura von der Universität Tokio hat bei verschiedenen Säugetieren die Anzahl der Gene für Riechrezeptoren bestimmt. Ein interessantes Ergebnis: das Pferd hat mehr Gene für Geruchsrezeptoren als ein Hund , nämlich 1066.https://genome.cshlp.org/content/early/2014/07/16/gr.169532.113.abstract?sid=3ba86369-41fa-47a2-8f92-6922481e193d
Die Nüstern des Pferdes liegen seitlich am Kopf und können sich unabhängig voneinander bewegen, daher kann das Pferd Gerüche aus unterschiedlichen Richtungen wahrnehmen.
Lucy Rees (Horses in Company, 2017) beschreibt eindrucksvoll den Alltag freilebender Pferde und unter anderem wie sie ihre Sinne brauchen und verwenden um zu überleben, jeden Tag und ihr ganzes Leben.
Der Geruchssinn spielt dabei eine zentrale Rolle und ist ständig gefordert: bei der Suche nach Futter, bei der Auswahl einzelner Pflanzen, dem Unterscheiden von Genießbarem und Ungenießbarem und beim Aufspüren von Wasser.
Außerdem läuft die Kommunikation innerhalb des komplexen sozialen Gefüges auch zu einem bedeutenden Teil über den chemischen Weg.
Pferde in menschlicher Obhut haben ein stark eingeschränktes und vergleichsweise reizarmes Betätigungsfeld.
Das Futter steht zur Verfügung, das Unterscheidungslernen von unterschiedlichen Pflanzen ist nicht oder sehr begrenzt notwendig. Auch das Wasser findet sich vermutlich jeden Tag an derselben Stelle.
Das Leben ist risikoarm und komfortabler als das von freilebenden Pferden- aber möglicherweise auch eintöniger, weniger sinnstiftend, und in vielen Fällen ist kaum Raum für Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit des Pferdes.
Das Pferd hat keinen Einfluss auf seinen Tagesablauf oder seine Herdensituation.
Viele Pferde sind körperlich stark gefordert, im kognitiven und mentalen Bereich aber unterfordert.
Und da sind wir gefragt. Wir sind verantwortlich – nicht nur für das physische, sondern auch das psychische Wohl des Pferdes.
Es ist eine Herausforderung, für mentale und kognitive Auslastung zu sorgen. Auch das Pferdegehirn funktioniert nach dem Prinzip: Use it or loose it. Mangelnde kognitive Beschäftigung lässt das Pferd diesbezüglich verkümmern und umgekehrt, je mehr „Futter“ es für das Hirn gibt, umso klüger wird es.
Enriche your horses life
Durch Anreicherung der Umwelt des Pferdes mit neuen und interessanten Gegenständen kann es seine Neugierde und Lebenslust erhalten bzw. gegebenenfalls wiederentdecken.
Wichtig dabei: Es geht nicht um Gehorsamsübungen und es ist alleine das Pferd, das entscheidet, wann, ob, wie und in welchem Tempo es sich den Dingen nähert.
Shakira im Explorationsmodus
Enrichement können wir mit Gerüchen zusätzlich aufpeppen.
Am einfachsten ist es ein Handtuch zu verwenden und zum Beispiel einen Klecks Ketchup drauf zu machen. Oder ein bisschen Sojasauce. Oder ein Tuch verwenden, das im Hundekorb gelegen ist.
Ich achte darauf, dass die Gerüche nicht zu stark sind. Sobald etwas für uns deutlich riecht, ist es für das Pferd schon sehr intensiv.
Kräuter sind eine wunderbare Gelegenheit dafür, das Pferd olfaktorisch und auch eventuell gustatorisch zu überraschen.
Dabei lassen sich ganz individuelle Vorlieben und Abneigungen der Pferde beobachten. Thymian zum Beispiel wurde von den Stuten am Schottenhof
(Zentrum für tiergestützte Pädagogik in Wien) sehr konträr bewertet – Fenja hat die Kostprobe sofort verspeist, ihre Herdenfreundin Satinka fand jedoch schon den Geruch abstoßend und hat sogleich das Weite gesucht.
Wichtig ist auch hier, dass das Pferd entscheiden kann und nicht dazu gezwungen wird, in der Nähe eines ihm unangenehmen Geruches zu verweilen.
(vgl., Rachael Draaisma, 2021)
Praxisbeispiel SCHATZSUCHE
In der Halle oder am Reitplatz werden Pferdekekse versteckt und das Pferd darf sie entdecken.
Dabei können wir den Schwierigkeitsgrad mit der Zeit erhöhen. Ein Beispiel dazu: Wir packen das Keks in einen Kübel und decken diesen mit einem Tuch ab. Nächstes Level: der Kübel wird mit einem nassen und daher schweren Tuch zugedeckt. Es ist für das Pferd wie ein kleines Puzzle, nun an die Leckerei zu kommen.
Bei der Vorbereitung und Gestaltung der Schatzsuche können schon sehr junge Kids miteinbezogen werden. Dabei wird die Kreativität gefördert, die Grobmotorik sowie die Feinmotorik und außerdem ist Einfühlungsvermögen gefragt: Wie schwierig darf die Aufgabe sein, sodass sie für das Pferd lösbar ist? Wie knackig sollte sie sein, damit es nicht langweilig ist?
Während das Pferd seine Sinne und in erster Linie seinen Geruchssinn verwendet und nach den Leckereien sucht, können wir es gemeinsam mit dem Kind beobachten und sehen, wie sich die Nüstern vergrößern, die Atmung verändert und welche Laute das Pferd von sich gibt.
So werden Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit des Kindes gefördert.
Interessante Gespräche über verschiedene Gefühle können sich mit den Kindern ergeben: Wie könnte es dem Pferd gehen, wenn es den Schatz nicht gleich findet? Wie gehe ich selber damit um, wenn mir etwas nicht gleich gelingt?
Wer oder was macht mir Mut?
Wie können wir das Pferd unterstützen?
Dopaminbooster
Scentwork kurbelt die Produktion von Dopamin an und ist somit ein herrlicher Frischekick in Sachen Motivation.
Dopamin ist ein Neurotransmitter, also ein Botenstoff, und spielt unter anderem eine Rolle bei der Bewegungssteuerung, dem Antrieb und der Motivation.
(Rachael Draaisma, 2021)
Ein Mangel an Dopamin wird mit Depression in Verbindung gebracht.
Auch bei Pferden können wir depressive Verstimmungen beobachten und die charakteristischen Verhaltensweisen ähneln denen des Menschen: Verlangsamung der Bewegungen, Verflachung des mimischen Ausdrucks.
Interessante Beobachtungen hat Verhaltensforscherin Carole Fureix gemeinsam mit ihrem Team gemacht. Sie wollte herausfinden, ob depressive Pferde als geeignetes Modell für die humane Depressionsforschung dienen können. Der Grund für die Annahme: Die Tiere ähneln uns und zeigen eine ähnlich komplexe Sozialstruktur wie der Mensch. Carole Fureix und ihr Team untersuchten für ihre Studie sogenannte Schulpferde. Bei etwa einem Viertel der 59 untersuchten Schulpferde wurden Symptome einer Depression gefunden. Diese Symptome sind denen depressiver Menschen ähnlich: eine charakteristische introvertierte Haltung, eine verminderte Mimik, eine geringere Aufmerksamkeit bei Ansprache, niedrigere Reaktivität bei gleichzeitig überdurchschnittlicher Ängstlichkeit gegenüber neuen Reizen. Auffällig ist auch eine typische Kopfhaltung der betroffenen Pferde: sie stehen über den Tag verteilt wiederholt in einem Erstarrungszustand mit leerem Blick und fehlender Reaktion nach außen in einer charakteristischen Haltung: Ihr Kopf befindet sich bei nach vorn gestrecktem Hals mit dem Genick in ähnlicher Höhe wie der Widerrist.
(vgl Marlitt Wendt, 2018)
Um einem Pferd aus einem depressiven Tief zu helfen sind vielfältige Maßnahmen notwendig.
Am allerbesten ist natürlich Prävention: wie können wir Pferde munter und interessiert halten und ihre natürliche Neugierde fördern?
Dazu sind umfangreiche Überlegungen nötig und zahlreiche Faktoren müssen stimmen, von der Zusammensetzung der Herde bis hin zu den Trainingsansätzen.
Ein Mosaiksteinchen um unsere Pferde fit und geistig wach zu halten kann Scentwork sein, da wir dem Pferd damit eine Dopaminkur zukommen lassen.
Insbesondere bei Schatzsuchen und bei der Fährtenarbeit kommt das Dopamin quasi ins Köcheln
Scentbag gefunden! Partytime
Wir bieten dem Pferd eine evolutionär bekannte Situation und Herausforderung, wo es sein natürliches Verhalten ausleben kann.
Das Explorationsverhalten zeigen zu können, ist extrem wertvoll für das Pferd und seine Gesundheit.
Praxistipp Fährtenarbeit
Rachael Draiisma ist Autorin des Buches ‚Scentwork for Horses‘ und Fachfrau zu diesem Thema. Ich durfte sie bei Workshops in Niederösterreich bei Disco Cavallo kennenlernen, wo wir nicht nur die ersten konkreten Schritte in Richtung Fährtenarbeit gelernt haben, sondern auch jede Menge Hintergrundwissen erwerben konnten. Der nächste Workshop mit Rachael Draiisma findet
(Kontaktdaten siehe rechts)
Startsignal für das Pferd ist der sogenannte Smeller – ein kleines Handtuch, ein Stück Stoff, auf dem die Fußabdrücke des Menschen den Geruch hinterlassen haben.
Man streift darauf seine Schuhe ordentlich ab, ein tieferes Profil ist dabei hilfreich und hinterlässt dementsprechend mehr Geruchsspuren.
Der Smeller ist der Startpunkt und das Zeichen für das Pferd, dass es hier etwas zu suchen gibt.
Anfangs wird das Ziel – die Scentbag- ganz knapp neben dem Smeller vergraben, damit das Pferd das Prinzip des Spiels verstehen kann.
Dann kann die Distanz kontinuierlich erhöht werden. Aus wenigen Zentimetern werden ein halber Meter, drei Meter und schließlich verläuft die Fährte über den gesamten Reitlatz.
Später kann ich natürlich Wald und Wiese ebenso nutzen, um neue und spannende Fährten für das Pferd zu legen.
Onida bei der Spurensuche
In der gefundenen Tasche findet das Pferd nun mega-tolle Leckereien. Es soll sich wirklich lohnen, die Scentbag zu finden, und das Pferd soll mit dem Verspeisen dieses Jackpots auch einige Mi
nuten beschäftigt sein.
(vgl Draiisma, 2021)
Für die Kids ist das Vorbereiten dieser Belohnung eine feine Sache. Wir verarbeiten die unterschiedlichen Zutaten zu einem wohlschmeckenden Müsli oder Brei.
Besonders erfreuen können wir das Pferd, wenn unterschiedliche Leckerbissen als Überraschungseffekt in dem Beutel zu finden sind: ein Stückchen Birne und ein paar Hagebutten, ein anderes Mal Banane oder Wassermelone.
Wichtig ist, dass es dem Pferd wirklich schmeckt und wir eine hochwertige Belohnung zur Verfügung stellen.
Denn anstrengend ist es, das Fährtensuchen. Es macht Freude und die Pferde arbeiten aus einer inneren Motivation heraus. Gleichzeitig ist es eine mentale Herausforderung. Auch körperlich profitiert das Pferd, da es sich in einer natürlichen Körperhaltung bewegt, wofür es evolutionstechnisch auch gemacht ist: dem Kopf tief nehmend und vorwärts gehend. So wie auch beim Grasen, womit frei lebende Pferde viele Stunden beschäftigt sind.
Benefit für die Beziehung zwischen Mensch und Pferd
Fährtenarbeit ist nicht nur ein Dopaminbooster für das Pferd, es vertieft auch die Beziehung zwischen Mensch und Pferd.
Die Vorstellung, wir Menschen müssen der „Boss“ sein, ist immer noch verankert im menschlichen Denken, obwohl WissenschaftlerInnen und EthologInnen klar die Auffassung vertreten, dass es keine Rangordnung
zwischen Mensch und Pferd gibt, weil so etwas ist immer nur innerartlich möglich ist.
Wir möchten und müssen dem Pferd zeigen wie es sich uns und unseren KundInnen verhalten soll. Das ist wichtig und eine große Verantwortung, sollte aber stets losgelöst von Rangordnungstheorien betrachtet werden. Ein logischer Aufbau, kleinschrittiges Vorgehen und gutes Timing und Wissen rund um Lernverhalten sind dabei die Zutaten, die uns gemeinsam mit dem Pferd zum Erfolg führen.
Empfehlenswert ist diesbezüglich Silvia Czarnecki‘s Buch“ Ehrlich motiviert“ (2016)
Basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen stellt sie ein faires, partnerschaftliches Ausbildungskonzept vor.
Wenn wir verstehen, wie Lernen funktioniert, können wir unser Vorgehen optimieren und brauchen nicht quasi „lauter schreien“ indem wir Druck erhöhen.
Bei der Fährtenarbeit passiert etwas Besonderes: das Pferd kann seine Fähigkeiten einbringen, es leistet etwas, was uns Menschen nicht möglich ist. Das Pferd gibt den Weg vor, bestimmt das Tempo.
Der Mensch muss (oder darf ) Kontrolle abgeben und dem Pferd vertrauen.
Pferde sind in der Lage innerhalb einer Beziehung verschiedene Rollen einzunehmen, mal des vorangehenden, dann des folgenden Parts.
(vgl. Lucy Rees, 2017)
Das wird bei der Fährtenarbeit sehr schön deutlich und wir können den Kids dies vorleben und aufzeigen.
Hier geht es zu aktuellen Online Weiterbildungen zum Einstieg in das Thema >
Ich wünsche allen Mensch-Pferd-Teams viel Freude bei der Spurensuche
Draaisma, R. (2018): Language Signs & Calming Signals of Horses. Taylor & Francis Group
Draaisma, R. ( 2021): Scentwork for Horses. Taylor & Francis Group
Wendt, M. (2018): Was fühlt das Reitpferd? Frankh-Kosmos Verlag
Rees, L. (2017):Horses in Company. JA Allen
Czarnecki Sylvia (2016): Ehrlich motiviert. Cadmos


